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Das Projekt Verbraucherrechte in der digitalen Welt endet am 31.12.2015, so dass diese projektbezogene Internetseite www.surfer-haben-rechte.de nicht mehr weiter aktualisiert werden kann.

Jugendliche zwischen Ausdruckslust und Kontrollverlust

Jugendliche zwischen Ausdruckslust und Kontrollverlust
Interview mit Niels Brüggen

Niels Brüggen forscht am JFF - Institut für Medienpädagogik zur Onlinenutzung Jugendlicher. Wir haben ihn für surfer-haben-rechte.de zu den Verhaltensweisen im Netz, Medienkompetenz und Privatsphäre interviewt.

Herr Brüggen, welche Rolle spielt das Internet heute im Alltag Jugendlicher?

Der Alltag von Jugendlichen ist von einem ganzen Netzwerk von Medien (Mobiltelefon, Computer, Fernsehen, Radio, Musikmedien etc.) durchdrungen. Dabei kommt dem Internet die bedeutende Rolle einer Schaltzentrale zu, weshalb vielen Jugendlichen diese Medienstruktur mittlerweile als unverzichtbar erscheint. Zwei Phänomenen der Konvergenz der Medien kommt dabei eine große Bedeutung zu. Zum einen sind im Internet je nach Interesse verschiedene Medienangebote zugänglich: Es ist möglich die Lieblings-TV-Serien im Internet an- oder nachzuschauen oder Zusatzinformationen zu ihr zu erhalten oder Musik als zentrales Jugendmedium ist über Online-Radios oder auf Plattformen wie YouTube verfügbar etc. Damit hängt zum anderen zusammen, dass auch neue Übergänge zwischen Individual- und Massenkommunikation entstehen. Die einfachen Möglichkeiten heute eigene Inhalte ins Internet einzustellen und somit zu einem Akteur in der Medienwelt zu werden, kann für den Austausch mit Freunden genutzt werden, aber auch, um sich mit eigenen Anliegen an eine breitere Öffentlichkeit zu richten. So haben Jugendliche im Internet heute einen leichteren und in vielen Fällen wenig begleiteten Zugang zu öffentlicher Kommunikation.

Jetzt könnte man denken, das Netz sei prinzipiell öffentlich. Aber selbst in den USA scheinen Jugendliche weiter viel Wert auf Privatsphäre zu legen, wie neuere Forschung zeigt. Wie gehen Jugendliche mit dem Spagat zwischen Öffentlich und Privat im Internet um?

Die Annahme ist ja auch falsch, dass jemand, der bspw. in Online-Netzwerkdiensten Informationen einstellt, keinen Wert auf eine Privatsphäre legt. Privatsphäre meint ja nicht, dass andere gar keine Informationen von einem haben, sondern vielmehr, dass man selbst kontrollieren kann, was und wie viel andere über einen wissen und, dass man Informationen auch zurückhalten kann. Das ist im Netz aber schwieriger zu kontrollieren. Es gibt kaum Kontrollmöglichkeiten, wer auf einmal eingestellte Informationen zugreifen kann, da sie kopiert, gesucht oder „gestohlen“ werden können – ohne, dass man davon etwas erfährt.

In diesem Spannungsfeld zwischen Kontrollverlust auf der einen Seite und den Nutzungsmotiven, Beziehungen zu gestalten und sich selbst auszudrücken auf der anderen Seite, bewegen sich Jugendliche sehr unterschiedlich. Es gibt Jugendliche, die recht sorglos Informationen über sich und andere veröffentlichen, andere sind sehr vorsichtig und zurückhaltend. In einer aktuellen Studie untersuchen wir derzeit, mit welchen Einstellungen der Jugendlichen diese unterschiedlichen Handlungsweisen verbunden sind. Wichtig erscheinen dabei Regeln zum Umgang mit den Angeboten zu sein, die im sozialen Umfeld entwickelt werden und akzeptiert sind. Darin sind dann beispielsweise auch Vorstellungen darüber verankert, wer sich die eingestellten Inhalte ansehen wird und auch wie damit umzugehen ist.

Einfluss auf den Umgang mit persönlichen Angaben im Spannungsfeld zwischen Privatheit und Öffentlichkeit haben zum einen also soziale Motive und Regeln innerhalb der Peergroup, was man angeben sollte.

Welche Rolle spielt dabei die Gestaltung der Angebote?

Mit Voreinstellungen oder der Aufforderung bestimmte Angaben zu machen, werden auch Anreize zur Veröffentlichung geschaffen oder mit automatisierten Mechanismen Informationen über Aktivitäten der Nutzenden ohne deren zutun veröffentlicht.

Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass dieses Spannungsfeld in der heutigen Medienwelt nicht mehr verschwindet. Dies impliziert zugleich, dass wir Jugendliche, die in diese von Menschen gestaltete Medienwelt hineinwachsen, dabei unterstützen müssen, sich darin kompetent zu bewegen.

Häufig wird die Vermittlung von "Medienkompetenz" als Lösung angeführt. Was könnte sie denn leisten - und was nicht?

Die Förderung von Medienkompetenz der Nutzenden ist ein unabdingbarer Teil einer Lösungsstrategie für diese An- und Herausforderungen der Medienwelt. Die Förderung medienkompetenter Nutzenden, die selbstverantwortlich mit den Angeboten umgehen können, darf aber nicht als Argument genutzt werden, um von der Mitverantwortung der Anbieter abzulenken. Medienkompetenz impliziert in der Wissensdimension neben den Bedienfertigkeiten, ein fundiertes Wissen über Funktionen und über Medienstrukturen. Wissen allein reicht allerdings nicht.

Vielmehr ist mit Medienkompetenz auch gemeint, dass zu diesem Wissen eine eigene Position bezogen wird, es also reflektiert und kritisch eingeschätzt wird. Dies erst ist die Basis, um Medienangebote kritisch, genussvoll, kreativ und in sozialer Verantwortung zu nutzen. Diese Kurzfassung des Begriffs verdeutlicht, dass die Entwicklung von Medienkompetenz komplex ist und von Jugendlichen nicht umfassend mit einer zweistündigen Schuleinheit realisiert werden kann.

Wie müsste die Vermittlung von Medienkompetenz also aussehen?

Man muss den Erwerb von Medienkompetenz als Prozess verstehen, der in verschiedenen Kontexten und immer wieder zielgruppen- und altersspezifisch unterstützt werden muss. Darin ist sicherlich eine Grenze zu sehen, dass es bislang zu wenige Angebote zur Förderung von Medienkompetenz gibt, als dass es der Bedeutung von Medien in der Lebenswelt von Jugendlichen gerecht würde. Mit der Förderung von Medienkompetenz darf aber die Verantwortung nicht einseitig auf die Nutzenden abgewendet werden. Eine sozial verantwortliche Angebotsgestaltung muss implizieren, dass ein souveräner Umgang auch im Angebot unterstützt wird – gerade mit Blick auf Jugendliche. Da gibt es bei einigen Anbietern bereits positive Ansätze. Andere haben hier noch einen großen Aufholbedarf.

Medienkompetenzförderung sollte also Hand in Hand gehen mit einer verantwortungsvollen Gestaltung von Internetdiensten und entsprechender rechtlicher Rahmenbedingungen. Darüber hinaus müssen Angebote von unabhängigen Einrichtungen gemacht werden. Dabei erscheint es zentral, die Fragen von Jugendlichen aufzugreifen und als Ausgangspunkt für die Arbeit zu nutzen.

Zudem sollte die Vermittlung von Medienkompetenz darauf fokussieren, die Handlungsfähigkeit von Jugendlichen zu stärken. Ein einseitiger Fokus auf Risiken läuft dann beispielsweise Gefahr von den Jugendlichen nicht angenommen zu werden, da es so scheinen mag, als wolle man ihnen ein für sie wichtiges Kommunikationsinstrument wegnehmen oder schlecht machen.

  • 29. Juni 2010
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