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Das Projekt Verbraucherrechte in der digitalen Welt endet am 31.12.2015, so dass diese projektbezogene Internetseite www.surfer-haben-rechte.de nicht mehr weiter aktualisiert werden kann.

Livestream ins Kinder- und Klassenzimmer

Livestream ins Kinder- und Klassenzimmer
Videochatdienste mit vielen Problemen

Der Videochatdienst YouNow macht gerade die Runde – und verschafft Einblicke in Kinder- und Klassenzimmer sowie ganz andere Orte, die einen Haufen Probleme mit sich bringen können. Der neue Trend zeigt: Die Medienkompetenz muss viel früher gefördert werden und die Altersverifikation muss besser werden.

Wahrheit oder Pflicht online

Der Dienst bietet an, das Bild seiner Handycam oder Webcam live ins Internet zu streamen, Ton inklusive. Die Anmeldung erfolgt über das Google-, Facebook- oder Twitter-Konto. Und wer bloß zuschauen und nicht selbst zu sehen sein will, muss nicht mal diesen Schritt gehen. Auf der Seite kann man sich sofort durch verschiedene Streams klicken, die per Hashtag sortiert werden. Diese lauten etwa: #deutsch-girl, #deutsch-boy, #bored, #schule oder #truthordare, also Wahrheit oder Pflicht. Neben den Videofenstern können eingeloggte User auch miteinander bzw. mit der Person im Video chatten. Und das bleibt nicht immer harmlos, zweideutige und eindeutige Fragen oder Fragen zum Wohnort werden gestellt und nicht selten beantwortet. Manche Nutzerinnen und Nutzer stellen auch Facebook-Profil und E-Mail öffentlich. Ein gefundenes Fressen für Stalker.

Zur Selbstdarstellung aufgefordert

Besonders unter Jüngeren ist diese Form der Selbstdarstellung bliebt und die Seite selbst tut auch so einiges dafür: Man kann „likes“ sammeln und zur „trending“ Person werden, man kann Fan werden und selbst Fans sammeln oder andere Nutzerinnen und Nutzer promoten. Ein Balken unter dem Stream zeigt die Anzahl der „likes“ an, die jeder gesammelt hat – und der muss natürlich gefüllt werden. Und für „likes“ tun die Nutzerinnen und Nutzer so einiges: Sinnlos in die Kamera zu plappern ist da noch die harmlose Variante. Bleibt zu hoffen, dass die meisten Kinder und Jugendlichen bei YouNow eher die schnelle Langeweile als die schnelle Berühmtheit finden. Wenn nicht, könnte der Dienst schnell ein Fall für Jugendschützer- und Datenschutzaufsichtsbehörden werden.

Datenschutz- und andere Probleme

Der Dienst wirft eine Menge Probleme auf: Ein beliebiger Tag Anfang Februar 2015. Wir finden nicht nur Streams, die direkt ins Kinderzimmer gehen und deren Nutzer deutlich jünger als 13 Jahre sind, sondern auch Streams, die aus einer Arztpraxis oder einem Café kommen. Dass wir die Namen der Patienten hören und die Cafébesucher sehen, dürfte diesen sicherlich nicht gefallen. Auch aus Klassenzimmern wird direkt gestreamt, Lehrer und Mitschüler inklusive. Solche Streams verletzten das Recht am eigenen Bild und die Privatsphäre anderer Menschen, die nicht im Internet – und schon gar nicht in solchen Situationen – veröffentlicht sein wollen.

Altersverifikation Fehlanzeige

Eine Altersverifikation ist überhaupt nicht vorhanden. Einloggen kann sich jeder, der Zugriff auf einen Account bei den oben genannten Social-Media-Diensten hat. Die AGB und die Datenschutzbestimmungen gibt es nur auf Englisch und dürften außerdem nach einem kurzen Blick in Deutschland in weiten Teilen unzulässig sein. Bei Verstößen gegen die AGB können die Nutzer zwar auch eine Meldung machen, dies funktioniert aber nur, wenn man selbst eingeloggt ist – und dürfte bei der wachsenden Anzahl von Streams auch kaum zu schneller Abhilfe führen.

Die App ist im iTunes-Appstore ab 12 Jahren freigegeben – auch hier passt etwas nicht ganz zusammen, denn eigentlich darf man den Dienst erst ab 13 und auch dann nur mit dem Einverständnis der Eltern nutzen. In Googles Playstore ist die App als „Mittel“ eingestuft und ist zwischen einer und fünf Millionen Mal installiert worden.

Medienkompetenz und Eltern gefragt

Wie so häufig im Internet gilt: Es kommt auf die Aufklärung an. Eltern sollten mit ihren Kindern reden, warum es nicht in Ordnung ist, aus der Schule oder vom Ausbildungsplatz zu streamen und andere Menschen dabei zu zeigen. Und dass es generell gefährlich sein kann, zu viel von sich preiszugeben und sich bedenkenlos im Netz zu zeigen, nur um Fans und Likes zu sammeln. Ungebetene Besucher oder Stalker können dann schnell vor der Tür stehen. Solch ein Stream bedeutet vor allem einen großen Kontrollverlust, denn man weiß ja nicht, was die Menschen auf der anderen Seite mit den Bildern anstellen. Das Webportal Schau-Hin hat sichere und altersgerechte Alternativen gesammelt und bietet weitere Tipps für Eltern.