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Das Projekt Verbraucherrechte in der digitalen Welt endet am 31.12.2015, so dass diese projektbezogene Internetseite www.surfer-haben-rechte.de nicht mehr weiter aktualisiert werden kann.

Wenn die Uhr über den Krankenversicherungstarif bestimmt

Wenn die Uhr über den Krankenversicherungstarif bestimmt
Wearables und Quantified-Self drängen auf die Versicherungsmärkte

Letzte Woche hat die Generali-Versicherung angekündigt, einen speziellen Tarif für die Nutzerinnen und Nutzer von Fitness-Apps anzubieten. Wer sich überwachen lässt, bekommt Bonusprämien. Schöne Neue Selbstvermessung?

Die Generali Versicherung reiht sich damit ein in die Versicherungen, die auf eine schleichende Entsolidarisierung unter den Verbrauchern setzen. Die Direktversicherung der Sparkassen bietet seit einem Jahr eine Autoversicherung an, bei der man Prämien bekommen kann, wenn man sein Fahrverhalten minutiös überwachen lässt. Wohlgemerkt kann. Es ist keineswegs sicher, dass man mit ordentlichem Fahrstil wirklich auch einen Rabatt bekommt.

Überwachungsmethode noch unklar

Und nun also die Krankenkassen. Sogenannte Wearables und Smartphone-Apps machen es möglich. Wer sich für diesen Tarif entscheidet, muss der Versicherung regelmäßig Daten über seine Aktivitäten mitteilen: Vorsorgetermine bei Ärzten, sportliche Aktivitäten und gesunde Ernährung, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt. Wie die Daten gesammelt werden, ist noch unklar. Das könnte per App geschehen, in der die Versicherten selbst ihre Verhaltensweisen eintragen. Es könnte aber auch verbunden werden mit einem Fitnessarmband oder einer smarten Uhr, die Bewegungsdaten, Herzfrequenz und sportliche Aktivitäten automatisch aufzeichnet.

Fitnessarmbänder, die uns dazu anhalten, genügend Schritte zu gehen oder die Herzfrequenz messen, gibt es schon länger, allerdings funktionieren sie bisher noch recht ungenau und häufig mit phantasievollen Messeinheiten wie „aktive Minuten“ oder „Fuel“. Ob und wenn ja, wie sich das überhaupt sinnvoll in Daten umsetzen lässt, die als wissenschaftlich anerkannte Gesundheitsparameter gelten, bleibt sehr zweifelhaft. Zumal die Forschung ja auch immer weiter voranschreitet und scheinbar feststehende Weisheiten zu gesunder Ernährung in fünf Jahren keinen Bestand mehr haben könnten.

Die Versicherung verspricht in der ersten Stufe einige Prämien, etwa Fitnessstudio-Gutscheine, Rabatte bei Partnern oder andere Geschenke. Das gibt es auch heute schon und auch dafür muss man dafür meistens die Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen oder die Mitgliedschaft im Sportverein im Bonusheft nachweisen. Allerdings sind das sehr grobe Raster und keine vollständige Fitness- bzw. Bewegungserfassung, ganz zu schweigen von Ernährungsgewohnheiten.

Vom Rabatt- zum Strafsystem?

Noch ist es bloß ein Rabattsystem, erwünschtes Verhalten seitens der Versicherer wird belohnt. Was aber, wenn solche Überwachung zum Standard, quasi zur Pflicht wird und man sich nur freikaufen kann? Bei der Gesetzlichen Krankenversicherung wäre so etwas in Deutschland nicht möglich, bei den privaten Kassen dagegen herrscht Vertragsfreiheit. Dabei werden die Leistungen mit den Versicherten individuell festgelegt. Gut vorstellbar, dass es dabei in Zukunft heißt: „Wenn Sie Ihre Fitness, Ihren Gesundheitszustand und Ihre Ernährung nicht dreimal am Tag an uns übermitteln, kostet Sie das 50 Euro extra im Monat.“

Selbstdisziplinierung im Vorbeigehen

Gerade für die privaten Krankenversicherer ist dieses System aber sehr attraktiv. Schon jetzt konkurrieren sie um die jüngeren und gesünderen Kunden, während ältere oder chronisch kranke Menschen mehr kosten und mehr bezahlen müssen. Mit einer ständigen Vermessung des Gesundheitszustandes steigt der Druck, auch bloß alles richtig zu machen: Der ungesunde, aber doch sehr leckere Burger? Besser nicht! Heute nur auf dem Sofa erholt? Das gibt Punktabzug! Die Selbstdisziplinierung und Selbstoptimierung wird durch diese Art der Überwachung noch tiefer in uns verankert.

Entsolidarisierung mit Methode?

Und wer sich dran hält, hat ja auch nichts zu befürchten. Wer dagegen selbstbestimmt und selbstbewusst den ein oder anderen Ratschlag nicht befolgt, weil er oder sie gerade nicht kann oder in eine schwierige Lebenssituation eingebunden ist, wird bestraft. Und das nicht nur von der Versicherung, sondern durch solche Versicherungsmodelle immer mehr auch von der Gesellschaft. Denn die wendet sich ab von einer Solidargemeinschaft mit persönlicher Freiheit hin zu einer Selber-Schuld-Mentalität mit optimierten Individuen. Und ob wir das wirklich wollen, sollte eine solidarische Gesellschaft zumindest diskutieren.

Update 28.11.2014

Eine Anfrage unsererseits beantwortete die Generali inzwischen telefonisch. Demnach wisse man noch überhaupt nicht, wie die Daten quantifiziert und gemessen werden sollen. Dies könne per App oder auf ganz andere Weise geschehen. Derzeit plane man noch und erwarte für Ende 2015 den Start des Programms. Außerdem gehe man davon aus, dass die Daten nur bei der Generali Versicherung verarbeitet werden.