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Das Projekt Verbraucherrechte in der digitalen Welt endet am 31.12.2015, so dass diese projektbezogene Internetseite www.surfer-haben-rechte.de nicht mehr weiter aktualisiert werden kann.

„Wer kennt wen“ hört auf – vom Sterben der Facebook-Alternativen

„Wer kennt wen“ hört auf – vom Sterben der Facebook-Alternativen
Deutsche Konkurrenz von Facebook gibt auf

Vergangene Woche gab die RTL-Gruppe bekannt, das soziale Netzwerk „wer kennt wen“ einzustellen. Neben StudiVZ war „wer kennt wen“ lange Zeit eine gut besuchte Alternative zur Datensammelei von Facebook.

Es ist gerade einmal eine Generation her, dass das Internet in seiner ursprünglichen Form seinen Siegeszug angetreten hat. In diesem Jahr jährt sich die erste nach Deutschland verschickte E-Mail zum 30. Mal. Nur was hat das mit sozialen Netzwerken zu tun? Eine ganze Menge. Denn stellen Sie sich vor, man könnte eine E-Mail nur innerhalb seines eigenen Providers, etwa von web.de zu web.de, verschicken. Die ganze Leichtigkeit, Einfachheit, ja die ganze Idee von Vernetzung wäre dahin. Ob die E-Mail einen solchen Siegeszug angetreten hätte, ist in einem solchen Szenario mehr als fraglich. 

Lock-In-Effekt verhindert Innovationen 

Und heute? Heute existiert die oben beschriebene Situation bei sozialen Netzwerken. Lock-In-Effekt nennen Wirtschaftswissenschaftler so etwas. Es ist so gut wie unmöglich, die Plattform oder den Anbieter zu wechseln, weil die damit verbundenen „Kosten“ zu hoch sind. Im Fall von sozialen Netzwerken heißt das: Sie zu nutzen macht nur Sinn und Spaß, wenn Freunde, Bekannte und eventuelle Geschäftspartner auch dabei sind. Der einzelne Verbraucher wird das soziale Netzwerk nicht wechseln, solange niemand sonst wechselt. Ein Teufelskreis. Es sei denn, der neue Dienst bietet einen sehr großen Mehrwert, so dass viele Nutzer gleichzeitig wechseln. Das kann eine neue Chatfunktion sein oder ein guter ortsbezogener Dienst. WhatsApp hat es vorgemacht, wie man neue Nutzer gewinnt und wurde (leider) gleich von Facebook gekauft.

Aus nach acht Jahren – „wer kennt wen“ gibt auf

Mit „wer kennt wen“ ist nun ein weiteres soziales Netzwerk gescheitert und hat das Ende seiner Geschäftstätigkeit verkündet. Solange es keine Interoperabilität – also die Möglichkeit, soziale Netzwerke untereinander zu nutzen – wird sich auch keine wirkliche Alternative durchsetzen können. Und das leider auch nicht, wenn einige Alternativen besseren Datenschutz bieten. Denn Datenschutz ist in den seltensten Fällen ein Anreiz für die Verbraucher, zu wechseln. Dennoch ist er ein absolutes Muss. Niemand würde etwa Hygienestandards bei Lebensmitteln zum Wettbewerbsvorteil erklären – sie müssen für alle gleich gelten. Ähnlich mit dem Datenschutz: So gut wie alle Anwendungen sind auch mit deutschen Datenschutzregeln möglich – es kommt häufig nur auf das Opt-in, also die aktive Zustimmung der Nutzer, an.

War der Datenschutz schuld?

Deshalb ist es befremdlich, wenn „wer kennt wen“ in der Pressemeldung zur Einstellung des Dienstes schreibt: „Auch die Berücksichtigung des Datenschutzes nach deutschem Recht erwies sich als ein Faktor, der die Bindung der Nutzer an das Netzwerk eher erschwerte.“ – Auf Nachfrage erklärte der zuständige Pressesprecher von RTL interactive, dass es den Nutzerinnen und Nutzern trotz NSA-Skandal zunehmend egal schien, dass „wer kennt wen“ nach deutschem Datenschutzrecht betrieben wird.  

Umfragen aus dem vergangenem Jahr zeigen, dass den Nutzern genau das nicht egal ist. Datenschutz ist wichtig, aber für die Mehrzahl der Nutzerinnen und Nutzer eben keine „Killer-Applikation“, also ein Grund, bestimmte Dienste nur zu nutzen, wenn der Datenschutz vorbildlich ist. Es ist ein wenig wie mit dem Biosupermarkt: Natürlich ist der besser und ökologischer, aber täglich kaufen die wenigstens dort ein. Manche aus Bequemlichkeit, andere aus Kostengründen. Aber hin und wieder ist der Biosupermarkt eben doch die bessere, richtigere Alternative.

Keine besseren Alternativen? Offene Schnittstellen können helfen

Bei sozialen Netzwerken fehlen Alternativen einfach. Der Lock-In-Effekt tut das Übrige und Facebook behält seine gemütliche Spitzenposition. Um diese aufzubrechen, braucht es Interoperabilität, wie sie in Ansätzen schon in der EU-Datenschutzverordnung zu sehen ist. Ein noch verbraucherfreundlicherer Schritt wären offene Schnittstellen, um Facebookposts oder –likes auch von anderen Plattformen aus zu verschicken. Einen Weg in diese Richtung geht „wer kennt wen“ zumindest, indem es die eigenen Daten, die bald unwiderruflich gelöscht werden, für die Nutzerinnen und Nutzer zum Download anbietet.

Das mangelnde Interesse am Datenschutz als einen Grund für die Pleite anzuführen, halten wir als Erklärung für falsch. Solange es einen so großen Lock-In-Effekt gibt, braucht es schlicht einen besseren, attraktiveren Dienst – der gleichzeitig auch datenschutzfreundlich sein muss, um gegen Facebook zu bestehen.

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