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Wir fühlen uns anonymer als Offline

Wir fühlen uns anonymer als Offline
Interview: Wir fühlen uns anonymer als Offline

Was bedeutet es aus psychologischer Sicht, ein Soziales Netzwerk zu nutzen? Leonard Reinecke forscht dazu an der Universität Hamburg. Ein Interview über den Spagat zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, Problembewusstsein und Einstellungen.

Herr Reinecke, welche Rolle spielt aus psychologischer Sicht die Privatsphäre im Social Web, insbesondere Sozialen Netzwerken?

Die Preisgabe von privaten Informationen, seien es private Erlebnisse, Hobbies oder Meinungen und Einstellungen, bilden den "Treibstoff" des Social Web. Erst durch solche Inhalte werden Soziale Netzwerke interessant. Das Einstellen von persönlichen Informationen ist quasi die Eintrittskarte in soziale Netzwerke wie Facebook oder StudiVZ. Das bedeutet für viele Nutzer häufig einen Spagat zwischen ihrem Bedürfnis nach Privatsphäre auf der einen Seite und ihrem Wunsch nach Austausch und Kommunikation auf der anderen Seite.

Welche psychologischen Auswirkungen die ständige Verfügbarkeit von privaten Informationen auf das Bedürfnis der Nutzer nach Privatsphäre hat, ist bisher allerdings noch weitgehend unklar. Ob die Nutzung des Social Web sich also längerfristig in Form eines verminderten Bedürfnisses nach dem Schutz der eigenen Privatsphäre auswirkt oder aber zu einer erhöhten Sensibilisierung in Bezug auf die eigene Privatsphäre führt, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt. Solche und ähnliche Fragestellung erforschen meine Kollegin Prof. Dr. Sabine Trepte und ich zurzeit in unserem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt "Sozialisation im Social Web".

Unterscheiden sich psychologische Eigenwahrnehmung von Privatsphäre durch die Nutzer und die technische Wirklichkeit?

Psychologische Grundlagenforschung zur Kommunikation im Internet legt nahe, dass wir im Falle von Online-Kommunikation eher bereit sind, Privates von uns preiszugeben, etwa weil wir uns in dieser Kommunikationssituation anonymer fühlen als in einer vergleichbaren Situation offline. Im Falle von Sozialen Netzwerken könnte auch das Gefühl, von Freunden und Bekannten umgeben zu sein, zu einer gesteigerten subjektiven Wahrnehmung von Privatsphäre beitragen. Das "Zielpublikum" der Mehrheit der Nutzer von Sozialen Netzwerken sind aus meiner Sicht auf jeden Fall die eigenen Freunde und Bekannte und nicht eine netzweite Öffentlichkeit.

Die technischen Mechanismen zur Beschränkung des Zugriffs auf die eigenen Profildaten sind zweifelsfrei vorhanden und werden inzwischen auch von einem großen Teil der Nutzer in Anspruch genommen. Ebenso gibt es aber eine nicht unerheblich Zahl von Nutzern, die den Zugriff auf ihre Profile nicht beschränkt, sei es aus Unsicherheit im technischen Umgang mit Privatsphäre-Einstellungen oder aufgrund eines fehlenden Bewusstseins für die potentiellen Gefahren.

Wer trägt in den Augen des Nutzers die Verantwortung für einen angemessenen Schutz der Privatsphäre? Und für welchen Teil?

Aus meiner Sicht führt der anhaltende öffentlich Diskurs über die Risiken von privaten Informationen im Internet zu einem steigenden Problembewusstsein bei den Nutzern von Sozialen Netzwerken. Gleichzeitig ist die Unsicherheit im Umgang mit dem Thema hoch. Das merken wir zum Beispiel im Rahmen von Informationsveranstaltungen, bei denen wir in der Vergangenheit einen "Profil-Check" angeboten haben, also die Möglichkeit, die Privatsphäreeinstellungen im eigenen Profil unter unserer Anleitung mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Generell sind sich aus meiner Sicht immer mehr Nutzer ihrer Verantwortung im Umgang mit den eigenen Profildaten bewusst. Ein verantwortungsvoller Umgang wird mitunter aber durch schwer bedienbare Privatsphäre-Einstellungen oder, wie etwa im Falle von Facebook, durch häufig wechselnden Privatsphärerichtlinien erschwert.

  • 28. April 2010
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