Skip to content Skip to navigation

Das Projekt Verbraucherrechte in der digitalen Welt endet am 31.12.2015, so dass diese projektbezogene Internetseite www.surfer-haben-rechte.de nicht mehr weiter aktualisiert werden kann.

Überwachung schadet Verbrauchern und Wirtschaft

Überwachung schadet Verbrauchern und Wirtschaft
Offene Schnittstellen, mehr Wettbewerb und Wettbewerbsrecht bei Datenschutzverstößen nötig

Jeder dritte deutsche Internetnutzer hat als Reaktion auf die Snowden-Enthüllungen einen Online-Dienst verlassen oder eine App gelöscht, wie eine Studie des Software-Herstellers Open-Xchange herausgefunden hat. Befragt wurden Internetnutzer in Deutschland, England und den USA. Insgesamt hat aus diesen drei Ländern jeder fünfte zu solchen Maßnahmen gegriffen.

Konsequenzen aus der Überwachung

Die Studie zeigt: Vertrauen ist das A und O in der Internetgesellschaft. Und dieses Vertrauen ist massiv erschüttert worden durch die Überwachung seitens der Geheimdienste. Besonders das Image der großen Internetdienste, beispielsweise Microsoft, Google, Facebook und Yahoo, hat enorm gelitten unter der Veröffentlichung ihrer mutmaßlichen Beteiligung an der Überwachung beziehungsweise der Datenausleitung an die Geheimdienste.

Aber die Studie zeigt auch, dass viele Nutzer zwar in Betracht ziehen, die beliebtesten und größten Dienste zu verlassen, jedoch der konsequente Schritt zum Löschen des Accounts nicht ganz so häufig vollzogen wird. So haben „nur“ knapp über zehn Prozent aller Nutzer in den drei Ländern Facebook verlassen und nur knapp sechs Prozent Google. Weitere sechs beziehungsweise zwei Prozent haben überlegt, Facebook oder Google zu verlassen.

Anders sehen die Zahlen in Deutschland aus und gerade da, wo ein Wechsel noch relativ einfach ist, nämlich bei den Messaging-Apps: 29 % der Nutzerinnen und Nutzer haben Whatsapp verlassen, 31 % haben überlegt oder wollen es noch verlassen. Viele wechselten zu Threema, dem Messenger, der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung verspricht. Auch für Google sehen die Zahlen in Deutschland sehr viel durchschlagender aus: 17,5 % wollen Google-Services verlassen. Insgesamt ist die Zahl derjenigen, die aus Datenschutzgründen einen speziellen Dienst wie Twitter, Dropbox oder das zu Facebook gehörende Instagram verlassen wollen oder verlassen haben, doppelt so hoch wie in den anderen untersuchten Ländern.

Imageschäden

Die Studie zeigt auch, Imageschäden wirken sich besonders verheerend aus. So waren vor allem Whatsapp und der Facebook-Messenger auf Android-Systemen in Verruf gekommen, weil die Nutzerinnen und Nutzer sich mit ihren Daten bei diesen Diensten nicht sicher fühlten. Weil diese beiden Apps dann auch noch sehr weitgehende und schwer nachvollziehbare Berechtigungen auf Android-Systemen erfordern, die sich nicht abwählen lassen, kam es zu massiver Kritik in verschiedenen Online-Foren. Die Macher der Studie vermuten auch langfristige negative Auswirkungen auf Facebook und Whatsapp bezüglich der Nutzerzahlen.

Was man sagt und wie man‘s macht

Die Studie zeigt auch, dass Nutzerinnen und Nutzer das Wissen um den Geheimdienstskandal verdrängen und damit das tatsächliche Verhalten in Bezug auf Datenschutz und Nutzung von Online-Diensten anders als erwartet ausfällt. Mehr als die Hälfte aller Befragten hatte angegeben, die von ihnen genutzten Online-Dienste und Apps zu verlassen, falls sie davon erfahren würden, dass ihre Daten oder privaten Nachrichten an die Geheimdienste weitergeleitet werden. Gut anderthalb Jahre nach den Snowden-Enthüllungen müssten also zahlreiche Dienste einen sehr viel höheren Nutzerverlust erleben, als den von Whatsapp und Facebook. Dazu kommt, dass sich sowohl Whatsapp als auch Facebook nicht über sinkende Nutzerzahlen beschweren.

Eine Lücke zwischen Wissen und Handeln zeigt sich auch daran, wie Nutzerinnen und Nutzer zum Datenverkauf und Profilbildung mit ihren eigenen Daten durch die großen Online-Plattformen denken: Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, Dienste zu verlassen oder zu kündigen, falls Daten direkt an Dritte für Profiling oder Werbung weitergegeben würden. Genau das ist aber das Geschäftsmodell von Werbung im Internet: Profile zu erstellen, die Gewohnheiten der Surferinnen und Surfer auszuforschen, zu wissen, auf welchen Webseiten sie noch waren. Und dann Werbung auf dieser Basis zu verkaufen.

Was technisch machbar ist

Dieser Artikel des Computerbuchverlags O'Reilly erklärt sehr ausführlich, wie der Werbeverkauf aufgrund von all den verfügbaren Daten eines Internetnutzers abläuft. In Sekundenbruchteilen werden Cookies ausgewertet oder die einzigartigen Einstellungen des Browsers, die bereits besuchten Webseiten und vieles mehr. Daraus entsteht dann das Profil, das im nächsten Schritt, der Auktion des Werbeplatzes, den Wert der Werbung ausmacht. In nur 100 Millisekunden wird dabei bestimmt, welche Werbeanzeige wir zu sehen bekommen. Und das eben auf der Basis unserer Daten, die wir hinterlassen, ob bei Facebook oder anderswo im Netz.

Dass die Nutzerinnen und Nutzer zu wenige Konsequenzen aus der Überwachung ziehen und ihre Daten weiterhin verkaufen und ausspähen lassen, muss also einen anderen Grund haben: Der Wechsel ist so schwer und die Alternativen rar – fast alle Newsseiten und Online-Portale tracken auf Schritt und Tritt, Nachrichtenseiten ohne Tracker sind schwer zu finden.

Was also tun?

Das Tracking durch Apps und Webseiten ist nur wenigen Nutzern bekannt. Ein erster Lösungsschritt wären einfache, verständliche Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB) und transparente Informationen, die jeder verstehen kann, die genau aufzählen, wofür die Daten verwendet werden. Nur wenn Nutzerinnen und Nutzer wissen, was mit ihren Daten geschieht, können sie wirklich informiert in das einwilligen, was die Dienste mit den Daten machen.

Den Geheimdienstskandal schieben viele gedanklich beiseite. Facebook und andere Dienste werden auch deshalb nicht verlassen, weil neue Soziale Netzwerke oder Messenger ohne Nutzerbasis ziemlich sinnlos sind. Lock-In-Effekte müssen durch offene Schnittstellen abgebaut werden. Nutzerinnen und Nutzer müssen – wie bei E-Mail auch – von einem Anbieter zum nächsten wechseln können und alle ihre Daten mitnehmen dürfen.

Schlagworte: